fb-pixel Die isländische Schwimmbad-Etikette: So duscht man richtig!
Juli 3, 2017

Die isländische Schwimmbad-Etikette: So duscht man richtig!


Was würden Sie bei einem Schwimmbadbesuch so richtig eklig finden? Für den Isländer sind es Touristen, die sich vor dem Schwimmbadbesuch entweder in Badebekleidung oder überhaupt nicht duschen!

Schon die kleinsten Kinder wachsen auf Island mit einer ausgeprägten Form der Schwimmbad-Körperhygiene auf: Im Duschbereich der Schwimmbäder stehen kleine Plastikbadewannen, in denen die Kinder plantschen können, während sich „mamma“ oder „pabbi“ ordentlich und komplett unbekleidet einseifen und abduschen.

In den öffentlichen Schwimmbädern gibt es im Duschbereich teilweise sogar Glaskabinen, aus denen Bademeister / Bademeisterin darauf achten, dass ordentlich geduscht wird.

Quelle: Alda Sigmundsdóttir / Megan Herbert: Das kleine Buch über die Isländer, Reykjavík 2014

Duschen nur ohne Badebekleidung!

Touristisch stark frequentierte Bäder, wo solche Kontrollen eher sehr locker gehandhabt werden und Gäste unterschiedlicher Nationen sich häufig nicht an die Duschregeln halten, werden von den Einheimischen nur noch sehr ungern besucht oder komplett gemieden. Also, keine falsche Scham: Duschen Sie nackt!

Wie sollte man sich also beim Besuch eines Schwimmbades auf Island korrekt verhalten?

Zunächst wird ein Ticket gekauft. Damit darf man sich innerhalb der Öffnungszeiten beliebig lange im Schwimmbad aufhalten. Die meisten Schwimmbäder besitzen Schließfächer. Kleine Bäder auf dem Land verfügen aber häufig nur über Umkleiden ohne Schränke. Wertsachen können dann an der Kasse abgegeben werden. Für die Schließfächer gibt es entweder einen einfachen Schlüssel oder ein elektronisches Armband. Falls Münzen für die Schließfächer benötigt werden, werden diese in der Regel direkt an der Kasse ausgeteilt.

Silberschmuck sollte man zum Duschen und Schwimmen ablegen, da Silber durch das häufig im Wasser enthaltene Schwefeldioxid schwarz anlaufen kann. Dies gilt auch für das Duschen im Hotel.

Zunächst wendet man sich nun dem Umkleide-Bereich für Damen oder Herren zu. Kinder müssen die Einteilung Damen / Herren ab der Einschulung ebenfalls einhalten. Vor dem Umkleidebereich zieht man die Schuhe aus und stellt sie in ein Regal. Sollte man befürchten, dass die Schuhe abhanden kommen könnten (dies passiert in großen Bädern leider gelegentlich), so kann man die Schuhe in eine Plastiktüte stecken und mit zum Schließfach nehmen.

Als nächstes sucht man sich ein freies Schließfach. Und dann heißt es: Ausziehen! Und zwar komplett. Wer auf die Idee kommt, den Weg zur Dusche in Badebekleidung zurückzulegen, wird meist prompt vom Personal zurückgeschickt. Allerdings darf man sich in ein Handtuch wickeln. Das Handtuch nimmt man mit zum Duschbereich. Dort gibt es eigens Regale (zum Teil mit der Nummer des Schließfachs versehen), in die man sein Handtuch legt. Sinn der Sache: Wenn man vom Schwimmen zurückkommt, trocknet man sich gleich im Trockenbereich neben den Duschen ab. So bleiben die Umkleiden trocken.

Achtung: Hantieren Sie im Umkleide- und Duschbereich nicht mit Handy oder Fotoapparat (beispielsweise, um die Geräte mit nach draußen zu nehmen). Sollten Sie in den Verdacht kommen, innerhalb dieser sensiblen Örtlichkeiten Fotos zu machen, kann eine Anzeige die Folge sein. Packen Sie die Geräte lieber in eine Tasche und holen Sie sie erst im Freien wieder heraus.

Nun sucht man sich eine Dusche. Einige wenige Schwimmbäder verfügen über Duschkabinen (beispielsweise die auf Touristen ausgelegte „Blaue Lagune“) oder einzelne Duschvorhänge; aber überwiegend duscht man in der Gemeinschaftsdusche. Da Isländer mit der gemeinsamen Duschkultur aufwachsen, ist es durchaus üblich, während des Einseifens Unterhaltungen zu führen. Und nun heißt es, die isländische Waschetikette einzuhalten! Das Umweltamt hat in Zusammenarbeit mit den Sportvereinen extra spezielle Schilder drucken lassen, auf denen eine stilisierte Person abgebildet ist. Die Körperstellen, die besonders intensiv gewaschen werden müssen, sind eigens mit roten Punkten versehen:

Nun muss man sich intensiv und nackt (!) von Kopf bis Fuß einseifen und abduschen. Seifenspender sind vorhanden. Auch die Kopfhaare sollten gewaschen werden. Einige Schwimmbäder erlauben, dass man die Kopfhaare trocken lässt. Voraussetzung ist dann, dass der Kopf nicht untergetaucht wird und die ungewaschenen Haare nicht in Kontakt mit

dem Schwimmbadwasser kommen. Wer sicher gehen will, fragt an der Kasse nach oder nimmt eine Bademütze mit. Der häufig wehende Wind kann ohnehin einen nassen Kopf sehr auskühlen, so dass eine Badehaube auch einer Erkältung entgegenwirken kann. Die Einheimischen tauchen zwischendurch den (gewaschenen) Kopf zum Aufwärmen ins Wasser. Nur Schwimmer mit sportlichen Ambitionen nutzen Badehauben.

Sehen Sie sich auch das lustige Video mit der Waschanleitung (deutsche Untertitel) an.

Die isländische Zeitung DV machte das Video mit folgender Schlagzeile bekannt: „So bringen wir den ausländischen Touristen bei, sich vor dem Schwimmbadbesuch zu waschen. Wir nehmen Hygiene sehr ernst.“

Fast alle Schwimmbäder auf Island sind ganzjährig geöffnete Freibäder. Auch auf dem Land gibt es immer wieder kleine Bäder, in denen man gut eine Pause einlegen kann (Tipps hierzu finden Sie in unserem Blog unter: „Die Badekultur und Schwimmbäder in Island“). Die Bäder werden meist mit geothermalem Wasser direkt aus der Erde beheizt. Dem heißen Wasser wird nur wenig Chlor zugesetzt, daher auch die Hygienemaßnahmen. Die Schwimmbäder sind auch für Kinder sehr zu empfehlen. Fast überall gibt es Kleinkinderbecken, Spielzeug und kleine oder große Rutschbahnen. Im Álftanes-Bad (nahe Reykjavík) befindet sich sogar ein Wellenbad und im Bad Laugardalslaug (mitten in Reykjavík) gibt es eine große Rutschbahn – auch für Erwachsene. Nähere Infos zu den Schwimmbädern in Island findet man unter: www.sundlaugar.is (auch auf Englisch).

Die Schwimmbecken haben in der Regel Temperaturen von etwa 28 Grad Celsius. Die Nichtschwimmerbecken liegen bei 30-35 Grad. Und dann dürfen selbstverständlich die „heißen Töpfe“ (isländisch „heitur pottur“) nicht fehlen. Diese Becken liegen im Temperaturbereich zwischen 35 und 44 Grad. Dort kann man herrlich entspannen, die Einheimischen nutzen die Zeit für Gespräche oder Diskussionen. Für manch einen Rentner ersetzt der Schwimmbadbesuch den Frühschoppen, denn die Bäder öffnen bereits früh am Morgen – im Gegensatz zu den Geschäften. Eine Empfehlung für die Aufenthaltsdauer im „heißen Topf“ gibt es übrigens nicht. Einzig der eigene Kreislauf sollte hier berücksichtig werden: Wer zu lange entspannt, dem kann es schwindlig werden. Zum Abkühlen bieten manche Schwimmbäder Fässer mit kaltem Wasser (6-8 Grad) an. Vorsicht bei Herzproblemen!

Zum Schluss wird die ganze Schwimmbad-Prozedur rückwärts durchgeführt: Durch die Kälte im Freien zurück zu den Duschen, wahlweise duschen oder auch nicht, im Regalbereich abtrocknen, Schwimmzeug einpacken, zum Schließfach und dann wieder anziehen. In vielen Bädern sind Haarföhne vorhanden, entweder noch in der Umkleide oder im Kassenbereich.

In vielen Bädern kann man nach dem Bad im Eingangsbereich gegen ein kleines Entgelt sogar eine Tasse Kaffee bekommen.

Achtung, Nebenwirkungen:

Wer die isländischen Duschregeln nach einem ausgiebigen Island-Urlaub schätzen gelernt hat und zu einem „waschechten“ Isländer geworden ist, muss damit rechnen, gegebenenfalls beim Schwimmbadbesuch im Heimatland selbst durch sehr freizügiges Verhalten aufzufallen oder sich über das Duschverhalten der anderen Besucher zu echauffieren…

Text: C.B.