März 19, 2020

Wie gehen die Isländer mit COVID-19 um?


Stand: 19.03.2020

Die Nachrichten über den Virus überschlagen sich und es ist kaum möglich, zeitnah über die Situation hier in Island zu berichten. Dennoch möchten wir an dieser Stelle einen kleinen Überlick geben, welchen Einfluss die Pandemie auf die isländische Gesellschaft hat. Der erste Teil beruht auf persönlichen Erfahrungen, der zweite handelt von den Maßnahmen, die hier in Island ergriffen werden.

Gewöhnen an eine neue Realität

Insgesamt herrscht eine ruhige Stimmung und die Gesellschaft scheint sich langsam an die neue Realität zu gewöhnen. Hier auf dem Skólavörðurstígur mitten in den Innenstadt hört man die letzten Koffer rollen. Gestern gab es noch eine Stadtführung – ein seltenes Ereignis derzeit. An der Hallgrímskirkja, dem Wahrzeichen von Reykjavík, war heute morgen kein Mensch. Die Stadt scheint ein bisschen wie ausgestorben. Normalerweise gehen Autotüren auf und zu, man hört Lachen auf der Straße oder Musik aber es scheint, als ob die Geräusche jeden Tag ein wenig mehr verschwinden. Letztes Wochenende waren am Gullfoss und Geysir, den beliebstesten Sehenswürdigkeiten im Südland noch zahlreiche Besucher – nun bleibt dem Geysir Strokkur auch mal ein wenig Privatsphäre vergönnt.

Isländische Heimquarantäne

Die Gymnasien und Hochschulen haben ganz zu, weshalb es ausnahmsweise nicht schwierig ist, in der Innenstadt einen Parkplatz zu finden. Viele Einwohner, derzeit mehr als 4.000 in ganz Island sind in Quarantäne, meist bei sich zu Hause. In den Erholungsgebieten, das sind überwiegend die Täler inmitten der weitläufigen Hauptstadt, findet man Eltern mit kleineren Kindern, denen zu Hause wohl die Decke auf den Kopf gefallen ist. Die isländische Regierung ruft besonders dazu auf, sich fit zu halten und spazieren zu gehen, um das Immunsystem intakt zu halten. Dazu gehört auch ausreichender Schlaf und eine gesunde Ernährung. In den Nachrichten sieht man Beispiele von Familien, die das beste aus der Heimquarantäne machen: Klavier spielen, backen, turnen im Wohnzimmer, sich mit den Kindern beschäftigen. Natürlich geht es nicht überall so idyllisch zu: viele müssen arbeiten, während die Kinder zu Hause auch Aufmerksamkeit haben wollen.

Vorsicht & Respekt im Alltag

Die Familien oder Wohneinheiten bleiben überwiegend unter sich. Auch lassen immer weniger Menschen ältere Personen auf die Enkel aufpassen. In den meisten Altenheimen herrscht schon seit über 2 Wochen ein Besuchsverbot. Die Busse in der Hauptstadt öffnen nur noch die mittlere Tür, damit nicht jeder an allen Mitfahrenden vorbeigehen muss. Man merkt, dass die Menschen versuchen, im Bus Abstand zu halten. Manche tragen Masken oder verstecken das Gesicht hinter einem Schal oder tragen Gummihandschuhe. In jeder Einrichtung findet man Desinfektionsmittel am Eingang. Auch in den Supermärkten wird darauf geachtet, dass nur eine bestimmte Anzahl den Laden betrifft. So stehen jetzt am Eingang von Bonus Personen, die jeden zählen, der den Laden betritt und verlässt. Einige Supermärkte wie Nettó reservieren die Morgenstunden kurz nach der Öffnung für ältere Menschen und andere Risikogruppen.

Kontrolle über die Ausbreitung des Virus

Zur Eindämmung des Virus sollen so viele Isländer wie möglich getestest werden; bis jetzt hat man fast 8.000 Menschen untersucht von einer Gesamtbevölkerung von ca. 350.000. Noch kann man die meisten Ansteckungen zurückverfolgen, was einem ein gewisses Gefühl von Sicherheit gibt. Das erstaunliche dabei auch, dass Touristen den Virus kaum an die isländische Bevölkerung übertragen. Anfangs waren es isländische Rückkehrer aus den italienischen Skigebieten, die den Stein ins Rollen brachten und sich ganz anders als ein Reisender unter das Volk mischen. Man geht deshalb davon aus, dass Touristen kaum Berühungspunkte mit Isländern haben, weshalb auch bis jetzt noch Touristen im Land willkommen sind. Durch den Ausruf der weltweiten Reisewarnung für nicht notwendige, touristische Reisen wird es jedoch in nächster Zukunft wohl kaum noch Besucher geben. Täglich verfolgen viele Isländer die Pressekonferenz, in welcher die neuesten Erkenntnisse, Maßnahmen und Zahlen diskutiert werden.

Die Zahlen sind im Moment (19.03.):

COVID19 Statistic 19. may

Die neuesten Zahlen finden Sie auf folgender Seite: https://www.covid.is/data

Smile for a while!

Island hat extra eine Webseite für die Viruskrankheit eingerichtet mit interessanten und aktuellen Statistiken zur Verbreitung mit dem Namen COVID.IS. Diese gibt auch Auskunft über die Verteilung der Erkrankten in den einzelnen Landesteilen, wieviele im Krankenhaus untergebracht oder in Quarantäne und wie alt die Erkrankten im Schnitt sind. Es sind auch Infos für Reisende auf der Seite und Hinweise für den Alltag wie Smile for a While 🙂 anstelle von einem Handschlag.

Bros er betra en Knus COVID.is

Lächeln ist besser als ein Kuss oder kuscheln. Infotafeln auf dem Laugarvegur. (Photo: A.S.)

Maßnahmen gegen die Verbreitung von COVID-19 in Island

Versammlungsverbot von mehr als 100 Personen (Quelle: COVID.is)

Ein Verbot öffentlicher Veranstaltungen bezieht sich auf Versammlungen, die für mehr als 100 Personen organisiert werden. Bei kleineren Veranstaltungen muss ein Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Anwesenden und ein guter Zugang zu Handwascheinrichtungen gewährleistet sein. Beispiele für solche Zusammenkünfte sind:

  • Konferenzen, Seminare, Sportveranstaltungen und andere ähnliche Anlässe.
  • Shows und Unterhaltungsveranstaltungen wie Tänze, Aufführungen (Theater), Filmtheater und private Partys.
  • Religiöse Veranstaltungen wie Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Konfirmationen.

Darüber hinaus muss an allen anderen Orten sichergestellt werden, dass sich nicht mehr als 100 Personen zur gleichen Zeit im gleichen Raum aufhalten. Dies gilt auch für die verschiedenen Betriebsabläufe von Arbeitsplätzen, Institutionen, Clubs, Restaurants, Cafés, Fitnesszentren, öffentlichen Schwimmbädern, Museen, Geschäften und anderen öffentlichen Einrichtungen, an denen sich mehr als 100 Personen aufhalten. An kleineren Orten ist es wichtig, einen Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Personen zu gewährleisten. Diese Maßnahmen gelten auch für öffentliche Verkehrsmittel und ähnliche Betreiber.

Bei Versammlungen, an allen Arbeitsplätzen und bei allen anderen Aktivitäten, an denen sich weniger als 100 Personen versammeln, ist es wichtig, sicherzustellen, dass die Möglichkeit besteht, einen Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Personen einzuhalten.

Auswirkungen auf das Schulsystem (Quelle: COVID.is)

Während des Verbots gibt es für Schulen erhebliche Einschränkungen. In einigen Fällen können die Schüler nicht in das Schulgebäude gehen, sondern werden stattdessen im Fernunterricht unterrichtet. In anderen Fällen gibt es Einschränkungen hinsichtlich der Anzahl der Schüler in den Klassenräumen und der Abstände untereinander im Klassenzimmer.

Schulen und Universitäten der oberen Sekundarstufe sind geschlossen und werden im Fernunterricht betrieben.

Die Grundschulen werden so lange in Betrieb sein, wie sie sicherstellen können, dass nicht mehr als 20 Schüler in jedem Klassenzimmer untergebracht werden. Die Schüler sollten in den Pausen in Kontakt treten. Besondere Aufmerksamkeit wird der Infektionskontrolle und der Hygiene in den Schulen gewidmet werden. Die Schulgebäude werden täglich gereinigt und desinfiziert.

Die Kindergärten setzen ihren Betrieb fort, müssen aber sicherstellen, dass die Gruppen klein und so weit wie möglich voneinander getrennt sind. Auch hier steht Infektionskontrolle und Hygiene an erster Stelle. Diese Einschränkungen werden ständig neu bewertet, so dass sie gegebenenfalls reduziert oder verlängert werden können. Zunächst gilt das Verbot für vier Wochen, beginnend am Montag, dem 16. März um Mitternacht, und endet am Montag, dem 13. April um Mitternacht.

Welche Orte sind vom Versammlungsverbot ausgenommen? (Quelle: COVID.is)

Das Verbot von öffentlichen Veranstaltungen betrifft nicht die internationalen Flughäfen und Häfen, Flugzeuge oder Schiffe. Die Maßnahmen zur Infektionskontrolle an diesen Orten werden verstärkt, und die Betreiber werden die größtmöglichen Maßnahmen ergreifen, um die Möglichkeit einer Infektion zu verringern.

Stand: 19.03.2020

(von Anne Steinbrenner)

 

Weitere Infos zur aktuellen Lage und Fallzahlen finden Sie auf der offiziellen Webseite der isländischen Behörden: www.government.is/news/article/2020/03/09/response-to-COVID-19-in-Iceland/

Guidelines für Touristen finden Sie unter: www.covid.is/sub-categories/tourists

Wie Erlingson Naturreisen mit der Situation umgeht: https://naturreisen.is/island-zu-zeiten-von-corona